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Der
Lebenslauf eines Segelmacherhandschuhs
Ich bin ein ganz neuer und
unverbrauchter Segelmacherhandschuh, seit einigen Tagen bin ich auf
der Reise vom Lager des Großhändlers zur Segelmacherei. Meine
Reise geht nach Rieseby. Ein Lehrling und sein Meister haben mich,
nach gründlicher Prüfung, aus dem Katalog ausgesucht. Dort bin ich
zusammen mit anderen Kollegen abgebildet, jeder von uns hat
besondere Eigenschaften die uns Auszeichnen.
Ich bin gut gebaut und für Rechtshänder
geeignet, habe sogar eine Verstärkung aus Kunststoff und gehöre zu
einer mittelhohen Preiskategorie. In mir steckt enormes Potential,
dass ich nun in meiner ersten Tätigkeit voll zu Geltung bringen
will. Zurzeit läuft es nicht
besonders gut für uns Segelmacherhandschuhe, es gibt nicht mehr
viel zu tun, und die wenige Segelmacherhandarbeit die anfällt
erledigen noch die alten Segelmacherhandschuhe die sich hartnäckig
halten.
Zwischen Segelmacher und Handschuh
entstehen oft langlebige Beziehungen, die meistens ein Leben lang
halten. Liebevoll kümmert sich der Eigentümer um uns, er wachst
uns ein, beschriftet oder graviert uns. So hebt man sich von
der Masse der unverbrauchten Segelmacherhandschuhe ab und der eigene
Lebenslauf beginnt. Ein junger Auszubildender bietet da eine gute
Chance, aus der Anonymität des Lagers raus zu kommen und seine Persönlichkeit
zu entfalten.
Ich bin jedenfalls noch ganz sauber
und sollte laut Lieferschein meinen Dienst vorgestern antreten.
Kaum bin ich im Betrieb angekommen, werde ich aus der Packung
gerissen und vom Meister, Gesellen und Lehrling begutachtet. Nach
dieser anfänglichen Euphorie komme ich zu nächst ins Regal und
liege dort für lange Zeit ganz allein. Wie soll ich da meine Fähigkeiten
beweisen. Aber bald werde ich zum
Einsatz kommen. Die Tage vergehen
und ich gewöhne mich langsam an die neue Umgebung, Von weitem kann
ich einen alten Kollegen erkennen. Der sieht so aus als hätte er
schon so einiges miterlebt, aber er beachtet mich nicht.
Dann eines Morgens beginnt die
Arbeit, die Mastrutscher aus Drahttauwerk von einem Traditionssegler
sollen mit dickem Rinderleder ummantelt werden. Mit einer Ledernaht
werden die extra angepassten Lederteile zusammen genäht. Eine ganze
Woche in Folge, ohne Pause drücke ich die Nadel rein in das Leder
und raus aus dem Leden. Die Lochzange erleichtert mir ungemein die
Arbeit, sie hat schon den Nahtverlauf vorgelocht, so flutscht die
Arbeit von der Hand. Nur an den Enden muss ich die Nadel ganz allein
durch das Leder drücken, um einen Takling zu setzen. Dabei habe ich
vor lauter Kraft, die olle Nadel leicht verbogen. Der Lehrling hat
Blasen an den Händen und schwitzt mich voll, außerdem pickt er
sich ständig in die Finger. Aber so wächst langsam meine persönliche
Geschichte.
Jetzt habe ich Ruhe, bin wieder
allein im Regal und warte auf meinen neuen Einsatz.
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